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© Sem Hölscher - erstellt: 01.11.00 aktualisiert: 01.11.00

Zur Premiere EFfz001 »Die große Schwester« hat sich in den damaligen Presseinfos auch Karl Heinz Willschrei geäußert. Leider mag er jetzt wohl nicht mehr weiter schreiben (seine bisher letzte Folge ist EFfz174 »Hassliebe«), er will das Feld Jüngeren überlassen, wie mir Brigitta Gärtner am 25.10.00 erzählte.

Zur Geschichte oder wie wird sowas

Die Redaktion hat mich gebeten, etwas zur Entstehung der Serie »Ein Fall für zwei« zu schreiben, und ich habe das leichtfertig - ich war ja von Anfang an dabei - zugesagt. Jetzt muss ich sehen, wie schwer es ist, etwas Gewordenes zurück zu verfolgen zu seinen Anfängen.

Im Sommer 1977 hörte man, das ZDF wolle eine neue Krimiserie haben. Programmdirektor Stolte bestätigte das in einem Gespräch mit meinem Partner Georg Althammer. Wir waren aufgefordert, ermuntert, darüber nach zu denken.

Ich habe eine Menge Krimis für beide Kanäle geschrieben. Es waren Polizistenkrimis, Geschichten, deren Hekd ein Polizeibeamter ist. Diese Geschichten haben einen gewissen Grundverlauf, der sich etwa so skizzieren lässt: Ein Verbrechen geschieht; der Polizist mit seinem Stab - das diktiert die so genannte Realität - eilt zum Tatort - deshalb heot eine der deitschen Serien folgerichtig so; die Polizisten sammeln äußere Spuren - Tatzeit, Tatrequisiten, Abdrücke des Geschenes im weitesten Sinne - und später innere Spuren - Motive, Gedanken, Ängste, Hoffnungen im menschlichen Umfeld der Tat, in den möglichen Tätern. Diese beiden Methoden werden kombiniert und puzzleartig so lange herum geschoben, bis sie einer Ordnung gehorchen, der bizarren Logik des Verbrechens. Der Täter ist entlarvt.

Ich mag dieses Spiel und habe es mal besser, mal schlechter gespielt. Und war seiner zum oben genannten Zeitpunkt ein wenig überdrüssig.

Also kein Polizistenkrimi. Was dann? Die Kriminalliteratur - und natürlich auch der internationale Fernsehmarkt - bieten neben Amateurdetektiven (Reportern z.B. oder schrulligen Schriftstellern) zwei andere Grundtypen der Krimihelden an: Philip Marlowe und Perry Mason. Den Privatdetektiv und den Rechtsanwalt.

Ist es kühn oder ist es nur läppisch, die beiden Pferde vor einen Karren zu spannen? Beide sind gut (Chandlers Marlowe sicher besser), aber Kaviar vom Kaspischen Meer und Honig aus Peru geben auch kein schmackhaftes Gericht. Andererseits: Mason hat in Paul Drake seinen Privatdetektiv, wenn auch einen mechanischen, der funktioniert, wenn der Rechtsanwalt auf den Knopf drückt. Und Marlowe ist selbst eine Art Rechtsanwalt, kennt und zitiert das Gesetzbuch, klagt die platten Schurken - manchmal schwer erträglich in seinem Moralismus - an und verteidigt die nur aus Schwäche Schuldigen.

Irgendwann war beschlsossen, dass wir es versuchen. Dr. Dieter Renz und Joseph Matula waren ... nein, noch lange nicht geboren. Aber was spööten das für Typen sein? Wie alt? Beweibt, unbeweibt? Der Logik verpflichtet oder der Institution vertrauend? Hobbies, Gewohnheiten, Stärken, Schwächen?

Im ersten Entwurf war Matula der Ältere; gescheitert, bitter, einsam, ruppig. Renz der eben 30-Jährige, idealistisch, unerfahren, brillant. Dann rauchte der eine und der andere nicht, dann beide, dann keiner, und ebenso wechselvoll war ihr Geschick mit den Frauen; mal verheiratet, mal geschieden, mal mehr Casanova, mal mehr Mönch.

Zu dieser Zeit - 1979 - zeichnete sich schon ab, dass das ZDF, genauer, die Hauptredaktion Dokumentarspiel, die Grundidee Rechtsanwalt plus Privatdetektiv mochte. Und dass zwei befreundete Firmen, Hans Gottschalks und Jochen Graubners Galaxy und unsere Monaco, die Serie gemeinsam, als Arbeitsgemeinschaft GALMON, produzieren sollte. Entsprechend größer wurde die Anzahl der Mitdenker. Aber es war nicht wie mit den Köchen und dem Brei, es war eher wie bei den drei Königen aus dem Morgenlande: Jeder brachte seine Gaben. In dieser Phase geschah etwas Entscheidendes: Wir einigten uns auf Günter Strack und Claus Theo Gärtner als Protagonisten. Und damit war Leben in den Papierphantomen Renz und Matula, Stracks Leiblichkeit, seine Kraft, seine Schläue, seine Ambivalenz zu Pathos und List prägten Renz; Gärtners proletarischer Charme, seine Zähigkeit, seine physische Beweglichkeit, sein trockener Witz und nicht zuletzt seine Einsamkeit wurden zu Matula.

Aber Heldlen sind dadurch Helden, dass sie handeln, Geschichten haben. Geschichten wiederum haben eine implizite Moral. Die galt es als nächstes zu finden und zu formulieren.

Ein Rechtsanwalt, das schien einfach. Er ist ein Organ der Rechtspflege, er hat seine Standeskodices, ihm fällt eine klar definierte Funktion im Mechanismus des Rechts zu. Aber dahinter? Darüber hinaus? Dr. Renz weiß, dass Recht und Gerechtigkeit nicht das selbe sind. Was kann er tun, um ob dieser Widersprüche nicht zum Zyniker zu werden?

Wir stellten uns diese Frage, bis wir merkten, dass sie beantwortet war durch ihre Voraussetzung. Renz ist - und das folgende gilt auch für Matula - ein Held. "Er ist ein Absurdissimum." Ich zitiere Egon Friedell. "Er ist ein Absurdissimum wegen seiner Normalität. Er ist so, wie alle sein sollten: Eine vollkommene Gleichung von Zweck und Mittel, Aufgabe und Leistung. Es isst so paradox, etwas zu tun, was sonst niemand tut: Er erfüllt seine Bestimmung."

Der Privatdetektiv ist etwas schwieriger zu definieren. In der deutschen Wirklichkeit eher abfällig betrachtet, in der öffentlichen Meinung eijn Schnüffler, ein Spion, ein mietbares Objekt für zwielichtige Dienste. Wir machten daraus einen, der auf ganz subjektive, verbohrte, nur sich selbst verpflichtende Art wenn auch nicht das absolut Gute, so das das pragmatisch richtige will.

Er war Polizist. Er geriet im Dienst in den Konflikt zwischen formaler Pflicht und innerer Notwendigkeit. (Das ist unsere erste Geschichte.) Er quittiert den Dienst - und verlässt ihn doch nie. Diese Dialektik ist die Figur: Ein Polizist, der für den Polizeidienst zu vielschichtig und damit ungeeignet ist.

Sind solche Helden realistische Figuren? Sicher nicht. Aber diese kontinuierlich falsch gestellte Frage nach dem Realitätsgehalt von Geschichten ud vorzüglich von Krimis ist eine der Wurzeln, nein, ist die Wurzel des "Übels" Krimi in Deutschland, Krimi im deutschen Fernsehen, deutscher Krimi im deutschen Fernsehen. Ich will und kann hier keinen Discours über Realität und Fiktion, Realismus, Naturalismus, Märchen, Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit aufnehmen. Ich will ganz trivial sein: Wenn der Polizist im Polizistenkrimi eine Erfolgsrate von 100 Prozent hat, wenn er immer den Täter entlarvt, so ist es eine ästhetische Notwendigkeit des Genres, keine moralische, und sie widerspricht jeder Erfahrung, jeder Beobachtung oder Statistik der Polizeiarbeit. Und von dieser Art gibt es sehr viele, meiste feinere Gesetze des Krimis, die ihn strikt von Polizeiarbeit und Kriminologie unterscheiden. Am Klarsten aber unterscheiden sich die Ziele. Polizeiarbeit will und muss für Recht und Ordnung in unserem Land sorgen und hat deshalb mit unserer Zivilisation zu tun. Krimimachen will und muss unterhalten und hat deshalb mit unserer Kultur zu tun.

Das klingt provozierend und ist auch so gemeint. Georges Simenon erzählt in »Les Memoirs de Maigret« von einem jungen Schriftsteller namens Simenon, der den Polizisten Maigret interviewt und dann später Kriminalgeschichten über ihn schreibt. Maigret passt das nicht. Er beschwert sich unter anderem darüber, dass der Maigret in Simenons Geschichten nachts im Regen herum steht und verdächtige Personen überwacht. Das habe er, Inspecteur Maigret, vielleicht am Anfang seiner Laufbahn gemacht, jetzt lasse er das durchführen, ordne es an. "Sehen Sie," sagt Simenon zu seiner Figur, "indem Sie es anordnen, geschieht es. Und deshalb ist es viel anschaulicher und wahrer, wenn Sie es in meinen Romanen gleich selbst tun."

Und da ich mich zu oft über die kontinuierliche Begriffsstutzigkeit der beflissenen Wirklichkeitsrechercheure geärgert habe, noch ein drittes Beispiel: Jedermann weiß, das Luther gesagt hat: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Und Galileo Galileis berühmtes Wort ist: "E pur si muove." Aber beide Aussprüche lassen sich nicht recherchieren, sind nirgendwo aufgezeichnet, sind unbelegbar. Sind sie deshalb falsch? Sie sind das Wahrste, was sich über beide Gestalten sagen lässt, weil sie eine ganze Existenz, ein tragisches Schicksal in einen Satz komprimieren. Das Volk, das ihnen diese Sätze angedichtet hat, hat das immer verstanden. Manche werden es nie verstehen.

Also keine realistischen Figuren. Unt unterhaltsame, auf spannende Art entspannende, zerstreuende, die mannigfaltigen Probleme des Alltags nicht lösen wollende, vielmehr von ihnen ablenkende Geschichten. Das konnte eigentlich nicht gut gehen. Aber das Erzählen hat, wie gesagt, seine eigenen Gesetze, und duese bewahren den Erzähler unter anderem vir allzuviel ästhetischem Räsonieren. Ein Charakter muss, realistisch oder nicht, wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, interessieren. Eine Geschichte muss am Anfang neugierig machen, in der Mitte bangen lassen und am Ende dem Kopf geben, was des Kopfes ist - Logik - und dem Herzen, was des Herzens ist - Furcht und Mitleid.

Renz und matula machten das den Schreibern - wir waren nun, Ende 1979 und Anfang 1980 ein gutes halbes Dutzend - nicht leicht. Wir alle waren zu sehr in dem oben skizzierten Schema des Polizistenkrimis verhaftet. Matula wurde zu leicht zu einem Polizisten ohne Dienstmarke, Renz zu einem glatten Räsoneur. Es dauerte, bis wir verstanden, dass neue Figuren neue, andere, frische Geschichten ermöglichen, nein fordern. Nicht mehr die Tat und die konsequente Überführung des Täters waren das Thema. Das Umfeld, der Sumpf, die schillernde AUra des Bösen in seinen mannigfaltigen Spielarten wurden interessant. Der Charme eines Hochstaplers das Gewissen und die déformation professionelle eines Staatsanwaltes, unblutige und doch nicht blutlose Finanzkabalen wurden zu Handlungen. Und auch zwischen Renz und Matula gab es Phasen, die mit Polizisten schwerlich funktionieren - nämlich komplementäre, scheinbare gegensätzliche, gegnerische. Renz als Anwalt der einen, Matula als Helfer der anderen Partei - auch da lag Zündsstoff für Geschichten.

Ein erster Stoff wurde 1980 als Pilotfilm realisiert. Er half entscheidend, sowohl Fehler des neuen Konzepts früh zu erkennen als auch den Glauben an seine grundsätzliche Stimmigkeit zu stärken. Er gab uns darüber hinaus die Gewissheit: Wir haben bei der Wahl unserer Hauptdarsteller Recht gehabt: Das Gespann Strack-Gärtner zieht.

1980/81 gingen acht Filme in Produktion, 1982 werden acht weitere folgen. Ob sie dem Publikum gefallen, wird sich zeigen. Dass sie uns allen, die beteiligt waren, Schweiß gekostet haben, ist mir, dies schreibend, noch einmal bewusst geworden.
Hoffentlich riecht man ihn nicht.

Karl Heinz Willschrei


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