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zu EFfz #150

Ein Redakteur berichtet aus 16 Jahren EFfz

© Sem Hölscher - erstellt: 2000-12-03 aktualisiert: 2000-12-05 16:09

Trennlinie mit blauen Augen

Vertraut und neu

Bei verschiedenen Gelegenheiten sagen oder schreiben mir einige unserer rund zehn Millionen Zuschauer gern Ihre Meinung zu unserer Serie Ein Fall für zwei. Dabei lassen sich Menschen aller Art nicht selten zu der Bewertung hinreißen, dass sie diese Serie - trotz "vereinzelter Formschwankungen" - für die beste deutsche Krimiserie halten. Längst gibt es in zwanzig Ländern des Erdballs weitere Fans, die unsere Filme "spannend" und "realitätsnah" finden. Sie schätzen das "sympathische Gespann", die "lockeren Dialoge", die "guten Drehbücher", die "fähigen Regisseure", die "guten Schauspieler" und die "unverbrauchten, neuen Gesichter". Ich erwähne unsere Zuschauer - deren weltweite Zahl keiner kennt - gleich zu Anfang, weil wir heute mehr denn je Grund haben, uns für ihre Treue zu bedanken. Natürlich auch, weil ich - als zuständiger Redakteur des ZDF - solche Komplimente auf diesem Wege gern an alle für diese Serie tätigen Mitarbeiter weitergebe. Das ist zur 150. Sendung - nach für mich immerhin sechzehn Jahren der Zusammenarbeit - ein kleiner Versuch, allen für das bisher Geleistete herzlich zu danken.

Nach dem Ausscheiden von Rainer Hunold und dem Engagement von Mathias Herrmann als dessen Nachfolger ist die Zukunft jetzt wieder "offen". Dies beinhaltet Risiken wie Chancen. Jedenfalls ist es Grund genug, einige Dinge rückblickend festzuhalten und nach vorne zu schauen.

Als Günter Strack 1988 nach sieben Jahren die Rolle des Dr. Dieter Renz abgab, hatte er - ebenso wie die Autoren und Regisseure - 60 Folgen Zeit gehabt, seinem Strafverteidiger Profil und Persönlichkeit zu verleihen. Rainer Hunold wurde in seinen ersten Auftritten also nicht nur mit dem älteren Kollegen Strack verglichen, sondern die neu geschaffene Kunstfigur Dr. Rainer Franck wurde auch einem ausgereiften Dr. Dieter Renz gegenüber gestellt. Anders gesagt: Ein Nachfolger muss aus "zwei Schatten heraus treten". Um so erfreulicher war es, dass mehr Zuschauer als vorher die ersten vier Folgen mit dem "Neuen" sahen. Offensichtlich werden "Erneuerungen" dieser Art allgemein geschätzt. [Öh - ein gewagter Schluss. EFfz060 war einfach rundum Klasse.] Ebenso wie die Zuschauer denjenigen schätzen, der - wie Claus Theo Gärtner als Detektiv Josef Matula - in jeder Szene zugleich neu und vertraut wirkt.

CTG: Ich habe kein Vorbild für Matula. Der Bund deutscher Detektive hat mich einmal ausgezeichnet als Detektiv des Jahres. Bei der Preisübergabe sprach mich der Laudator als "Herr Kollege" an. Darauf fragte ich ihn: "An welchem Theater spielem Sie denn?" Großes Gelächter im Saal, und alles war wieder zuerecht gerückt. Für die ist der Matula eben so, wie sie sich gerne dargestellt sehen. Und es gibt regelrechte Kuriositäten. Im Westerwald gibt es eine Truppe von Fans, die jeden Monat einen "Fall für zwei" auf Video drehen - die abstrusesten Fälle. Und an einem Freitag im Monat führen sie diesen Film in einer brechend vollen Kneipe vor. Dann ist der Matula auch noch Namensgeber einder Düsseldorfer Band und eines Rennpferdes.

Jede solche Erneuerung wird hinter den Kulissen selbstredend von vielen Mitwirkenden vorbereitet. Diese sind dem Publikum naturgemäß weniger bekannt, obwohl sie ebenso wichtige Aufgaben erfüllen. Jeder an der Herstellung der Krimis Beteiligte hat an seinem Platz im Team auf seine Weise auch Anteil am Erfolg. [Und deswegen gehören die Credits ungematscht!] Der Verdienst verteilt sich auf 59 Autoren und auf 46 Regisseure. Die langen Listen der für unseren Freitagskrimi in den Ring getretenen Schauspier und Stabmitglieder erlauben hier nur eine pauschale Danksagung.

Ihren liberalen und weltoffenen Geist verdankt diese Kirmiserie vor allem den Produzenten Althammer. Seine Erfahrung als Autor, sein Fleiß, sein Qualitätsbewusstseim und sein Humor strahlen ebenso auf alle Entscheidungen aus wie der Mut seines Partners Karl Heinz Willschrei. Als Erfinder der Serie hat letzterer - vor allem in den achtziger Jahren - 28 Folgen geschrieben, darunter die drei Pilotfilme zur Einführung der jeweils neuen Anwälte. Der Esprit von Georg Althammer blieb dem Team erhalten, auch als er 1989 fir laufenden Geschäfte des "Producers" abgab an den erfahrenen Werner Kließ und seit 1993 dann an den dynamischen Joachim Mendig. Als juristischer Berater für die Drehbücher und kreatives Gewissen half uns von Anfang an Rechtsanwalt Peter Hemmer, der zudem 13 der wirkungsvollsten Szenarien schrieb. Organisation und kaufmännische Führung [und Amadeus] lagen von Anfang an in den starken Händen von Harald Wigankow.

Starke Partner sind immer auch eine Herausforderung für die Stärke der Auftraggeber. Die Zusammenarbeit zwischen dem ZDF und der Odeon verlief jedoch ohne die branchenüblichen gegenseitetigen Machtdemonstrationen, sie basierte auf Vertrauen und freundschaftlichem Umgang. Konflikte um Inhalt, Form und Kosten der Filme wurden offen, aber auf hohem Niveau ausgefochten, wenn auch nicht immer mit einem fpr beide Seiten hundertprozentig befriedigenden Ausgang. Probates Mittel gegen Bauchschmerzen ist bis heute das beiderseitige Vetorecht. Bearbeitungswünsche der Redaktion oder des Produzenten, die nicht mit überzeugenden Argumenten begründet und von brauchbaren Vorschlägen begleitet werden, haben kaum eine Chance. Ebenso Autoren, die unsere Messlatte reißen.

Die jährlich zehn Filme werden von uns praktisch wie zehn Einzelspiele erarbeitet. Das flexible und ausbaufähige Konzept der Serie begünstigt Vielfalt und ständige Erneuerung: Zwei freiberuflich tätige Hauptfiguren lassen sich von den Autoren zwanglos in sehr unterschiedliche Situationen verstricken. Kommissar und Staatsanwalt sind mit dienstlichen Vollmachten ausgestattet bzw. von ermüdenden Pflichten eingeschränkt, während Anwalt und Detektiv abwechslungsreichere - vielleicht auch subtilere - Wege zu Wahrheit finden müssen. Sie sind "Leidensgenossen" all derjenigen, die ihre täglichen Probleme selbst bezwingen müssenund kein Netz unter sich oder keine Interessengruppe hinter sich haben. Unsere Autoren können Protagonisten dieses Zuschnitts eher mit zeitnahen Themen konfrontieren und ihr sich wandelndes Lebensgefühl auch in die Charaktere, Konflikte und Motive der mit jedem "Fall" neu hinzutretenden Figuren einfließen lassen. An ihnen entzünden die "zwei" in kleinen und großen Szenen ihre Geistesgegenwart und Freundschaft, vielleicht auch ein Bisschen bei uns Zuschauern.

Begünstigt durch den großen Kreis von Autoren erleben wir mit nahezu jeder Folge einen anderen Mikrookosmos unserer Gesellschaft und einen Querschnitt durch nahezu alle Gattungen der Literatur. Wer genau und regelmäßig hinsieht, wird in unseren "Fällen" die Zuataten zahlreicher populärer Arten des Schreibens wieder finden. Unsere Zuschauer dürfen beziehungsweise müssen immer mit allem rechnen: "Ein Fall für zwei" bringt eine Mischung aus Drama, Tragödie, Gerichtsspiel, Rätsel, Abenteuerroman, Schelmenroman, Komödie, Liebesgeschichte, Rechtsberatung, Sex and Crime sowie Thriller. Aber in einzelnen Geschichten gibt es auch Platz für Schlager, Volksmusik, Chanson und Poesie. Nicht zuletzt verbinden wir eine Anwaltsgeschichte mit einer Detektivstory.

CTG: Die verschiedenen Autoren geben der Serie immer wieder neue Impulse und Gesichter. Allein schon dadurch, dass sie unterschiedliche Sprachen sprechen, verschiedene Idiome benutzen, aus Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland kommen. Zu unserer Arbeit als Schauspieler gehört es, den roten Faden zu bewahren. Es ist nicht gerade so, dass wir die Sprache kämmen oder ihr einen Bürstenschnitt verpassen, sondern wir versuchen, der Figur und der Sprache zu einem Wiedererkennungswert zu verhelfen, ihr eine Kontinuität zu geben.

Drei Beispiele: Unsere Helden abenteuern zwar nicht in der Fremde, in der Wildnis, auf dem Meer oder bei fremden Völkern, aber sie finden die "Fremde", die "Wildnis" und die "fremden Völker" in Frankfurt. Auch hier in Frankfurt am Main müssen unsere Protagonisten - wie der Romanheld in der Ferne - Gefahren aller Art meistern. Und die Wirkung der dargestellten Abenteuer beruht auf der Identifikation des Publikums mit den Helden. Die zu bestehenden Abenteuer knüpfen wie im Roman an Fragen, Träume und Wunschvorstellungen der Zuschauer an, um unsere Helden Dinge erleben zu lassen, die "man immer schon mal kennen lernen wollte", aber in Ermangelung von Gelegenheit oder Mut bisher nicht kennen gelernt hat.

CTG: Das Schönste an dem Beruf ist, dass er so abenteuerlich ist. Allein, dass man manche Stunts, die man macht, überlebt zum Beispiel. Wenn man wieder rausgekommen ist mit heiler Haut oder nur mit blauen Flecken, das ist auch schön. Unter dem abenteuerlichen Aspekt verstehe ich auch, die unterschiedlichsten Situationen glaubhaft zu machen. Und ich denke, das macht auch den Zuschauern Spaß, dass sie nachvollziehen können, was da passiert. Mit dem Quentchen Humor natürlich. Denn es soll keiner annehmen, dass ich je eine Minute in meinem Leben Privatdetektiv war. Der Matula, das ist eine Kunstfigur, allerdings keine künstliche. Und er hat ja nur seine 16jährige Erfahrung als Privatdetektiv, aber kein weiteres soziales Leben, ein Bisschen wie die Spur auf einer Rasierklinge.

Ein zweites Beispiel ist die Verwendung der Literaturform des Rätsels. Unsere Helden werden - wie in den Mythen der Antike - immer wieder vor Rätsel gestellt. Von Anfang an umschreiben wir den tatsächlichen Fall so, dass der wahre Sachverhalt, die wahren Motive und die Identität des Täters erst nach der Auflösung zahlreicher Rätselfragen zu erkennen sind. Manche nennen diese Form heute whodunit.

Drittes Beispiel: Matula verhält sich oft wie die Figur einer Schelmengeschichte. Der Schelm in der Literaturgeschichte gehört meist nicht der obersten gesellschaftlichen Schicht an, was auch seine Perspektive bestimmt. Schlau und lebenserfahren durchschaut er die Menschen, die ihn täuschen und daran hindern wollen, an sein Ziel zu kommen.

CTG: Der Schelm - das ist Claus Theo Gärtner. Das ist der Antiautoritäre - und zwar allen Autoritäten gegenüber, ohne diese lächerlich zu machen. Man kann eine solche Figur wie Matula nicht 16 Jahre lang nur erfinden. Da fließt viel Eigenes mit ein. Matula bleibt immer gleich. Es wäre ja auch ein Unding, wenn er in jeder Folge ein anderer Mensch wäre. Aber um ihn trotzdem interessant zu halten, muss ein Bisschen mehr rein und das ist die eigentliche Schauspielerei. Ich versuche immer klarzumachen, dass wir Schauspieler sind und keine Schau-Seiner. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, als Herr Matula angesprochen zu werden, aber ich finde es immer noch komisch, wenn meine Frau Frau Matula genannt wird. Ich freue mich immer, wenn in den Texten Humor ist. Zum Beispiel, wenn der Anwalt und der Matula sich richtig fetzen, das haben die Zuschauer gerne.* Der Anwalt ist eine Autoritätsperson, und wenn mal einer den anmacht, freut das das Publikum.

In erster Linie bitten wir unsere Autoren natürlich, die Geschichte der spannenden Ermittlung eines Kriminalfalls zu erzählen. Neben bekannten Meistern des Krimis (wie etwa Detlef Müller, dem wir 20 gelungene Filme verdanken) zogen wir immer auch unbekannte Begabungen hinzu. Viele kamen mit völlig neuen Ideen, einige wurden in Kleinarbeit an unsere spezifischen Probleme herangeführt, und manche von ihnen wurden aus Affinität zu "Säulen" dieser Serie. Letztere arbeiten heute auffallend gerne zu zweit. Genannt seien in alphabetischer Reihenfolge Wolfgang Büld/Christin Kelling, Johannes Dräxler/Remy Eyssen, Gerd Roman Frosch/Edeltraut Rabitzer, Wilfried Viktor Herz/Andrea Kreiss sowie Eva und Volker A. Zahn. Vielleicht liegt in dieser dialektischen Form des Schreibens auch ein Geheimnis der nach wie vor frischen Geschichten und Dialoge unserer zwei Helden.

CTG: Die Vielfalt in den Geschichten ist auch ein Grund dafür, warum die Figur für mich so spannend bleibt, selbst noch nach 16 Jahren. Solange jedes Buch, das kommt, mich neu überrascht, fordert es mich heraus, auch in dieser Geschichte den Detektiv wieder neu zu erfinden. Und die Verhaltensweisen sind nie gleich, nicht zuletzt, weil dem Detektiv undgleich größere Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen als zum Beispiel einem Kriminalkommissar.

Wie wird es nun weiter gehen? Sicher ein Bisschen anders als bisher.

Bei dem Versuch, dieser Figur Leben einzuhauchen, ist wieder unsere gesammelte Kraft zur Erneuerung gefragt. Wir brauchen den Einfallsreichtum und die Fingerspitzen der Autoren und Regisseure ebenso wie die des gebildeten, ausgebildeten und theatererfahrenen Schauspielers Mathias Herrmann. Wenn seine Zusammenarbeit mit Claus Theo Gärtner und dem gesamten Team sich weiter so gut entwickelt wie bisher, wird er die hohen Erwartungen unseres Publikums sicher mehr als erfüllen.

Horst-Joachim Gehrmann

Quelle: Presseinfo zur 150. Folge mit Änderungen.

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