zu EFfz #182

Das etwas andere Interview

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© Sem Hölscher - erstellt: 2000-11-03 aktualisiert: 2001-04-21 23:43 SH

Trennlinie mit blauen Augen

Entwurf des Textes für das "Ein-Fall-für-zwei"-Presseheft zur 182. Folge:

     

Autor in Not: Hilfe aus dem Internet

Es war 23:12; ich saß noch am Schreibtisch. Mit dem neuen Drehbuch kam ich nicht weiter, und da ich mich darüber nicht ärgern wollte, schaltete ich den Computer nochmal an und surfte ein wenig im Internet auf der Suche nach ein paar Details aus dem Alltag eines Rechtsanwalts. Hin und wieder fand ich sogar noch etwas Wissenswertes, aber eigentlich glich mein Herumsurfen dem beiläufigen Blättern in einem Buch, das man gleich weglegen wird, weil man schlafengehen will. Auf der Homepage eines großen Providers landete ich im Chat. Ich tippte ohne große Hoffnung meine Frage.

   

[ich]
Kennt sich hier jemand aus dabei, wie es zugeht im Kreuzverhör vor Gericht, und kann einem hilflosen Drehbuchautor ein paar Fragen beantworten?

Und zu meiner überraschung kam schon nach kurzer Zeit eine Antwort.

 

[ML]
Kein Problem, habe ich oft genug von beiden Seiten erlebt, was gibt's?

Ich hatte einen Fachmann gefunden! Mit dem Unbekannten verständigte ich mich dahingehend, dass wir uns in einer stillen Ecke abseits der Datenautobahn zusammensetzen würden.

 

[ML]
Das ist schlechter Stil, je nachdem, auf welcher Seite man steht. Der Anwalt der Gegenseite darf nur eingreifen, wenn die Befragung unzulässig ist. Das kennt man aus amerikanischen Gerichtsfilmen: "Einspruch, Euer Ehren!" In meiner Praxis habe ich aber schon selbst dazwischengefunkt oder mich dagegen verwahrt - immer, wenn es meinem Mandanten genutzt hat.

   

[ich]
Da gibt es also keine feste Regel?

 

[ML]
Doch, natürlich. Aber die Richter sehen das manchmal nicht so eng, wenn es der Wahrheitsfindung dient. Man muss da nur aufpassen wie ein Fuchs, dass einem der gegnerische Anwalt nicht mit so einem Trick davonkommt.

   

[ich]
Sie haben eben geschrieben, dass sie das von beiden Seiten kennen. Was sind sie denn - Staatsanwalt oder Verteidiger?

 

[ML]
Ich habe als Staatsanwalt angefangen und arbeite jetzt seit einigen Monaten als Strafverteidiger.

   

[ich]
Wie kam es zu dem Wechsel?

 

[ML]
Tragische Geschichte eigentlich. Auf Bitte eines Studienfreundes, der das Opfer vertrat, übernahm ich die Anklage in einer Sache, bei der es um Banküberfall mit Todesfolge ging. Die Tochter von Johannes' Mandanten war bei diesem überfall erschossen worden. Den Fall haben wir mit der Höchststrafe abgeschlossen - der Täter sitzt lebenslänglich. Aber das war leider nicht alles: Mein Studienfreund arbeitete oft mit einem Detektiv zusammen, und dieser Detektiv hatte die entscheidenden Beweise geliefert, die zur Verurteilung führten. Es ist dann dem Täter gelungen, eine Waffe einzuschmuggeln und sich aus dem Gerichtsgebäude freizuschießen. Er wollte sich an dem Detektiv rächen, bei einem Schusswechsel wurde aber mein Studienfreund tödlich getroffen.

   

[ich]
Und...?

 

[ML]
Als ich dem Detektiv meine Hilfe bei der Suche nach dem Mörder anbot, habe ich eigentlich schon die Seiten gewechselt. Die Zusammenarbeit mit ihm verlief sehr gut - und ich hatte schon länger daran gedacht, ins Verteidigerlager zu gehen. Ich bin dichter dran an den Menschen, kann auch mal Mandanten ablehnen.

   

[ich]
Entschuldigen Sie die Neugier: Was ist denn der Hauptunterschied im Arbeiten zwischen Staats- und Rechtsanwalt?

 

[ML]
Die Verantwortung ist anders! Ich bin jetzt in der freien Wirtschaft und muss um mein Butterbrot kämpfen! Mit welchem Auto ein Staatsanwalt zum Termin kommt, interessiert keinen, aber für einen RA muss es schon ein Mercedes sein, "sonst ist der ja nichts Ernstzunehmendes". Die Leasingraten für den Benz machen mir schon zu schaffen! Ich habe zwar ein nettes Büro, aber das will ja auch bezahlt sein.

   

[ich]
Und die Arbeitsstunden?

 

[ML]
Auch ein gutes Stück mehr.

   

[ich]
Können Sie da nicht doch wieder zurück zu Papa Staat?

 

[ML]
Würde ich nicht wollen! Der Detektiv hat mir mal gesagt, dass es auf das ankommt, was man fühlt, wenn man abends nach Hause geht. Ich habe zwar mehr zu tun, aber es geht mir jetzt beruflich so gut wie schon lange nicht mehr.

   

[ich]
Was macht der Detektiv denn jetzt?

 

[ML]
Das Gleiche wie immer. Ich arbeite mit ihm zusammen wie Johannes vorher auch - ich habe die Kanzlei übernommen, und ohne Josef würde ich nicht halb so viele interessante Fälle bearbeiten. Er kommt übrigens gerade.

   

[ich]
Um die Uhrzeit??

 

[ML]
{nach einer Pause} Tut mir Leid, habe zu tun. Bis bald einmal.

Damit war unser Chat zuende. Ich hätte gerne noch etwas mehr erfahren ...

     

Balthasar von Weymarn" align=

Balthasar von Weymarn, geboren 1968, studierte Theaterwissenschaften und Journalistik in München, machte 1998 sein Produzentendiplom bei Professor Peter Gerlach in Hamburg, war Projektentwickler und Skriptdoktor und ist jetzt Referent TV/Development für Hans Joachim Mendig bei der Odeon Film AG in München.


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