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zu EFfz #150Ein Produzent plaudert aus der Schule |
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© Sem Hölscher - erstellt: 2000-12-21 aktualisiert: 2001-01-25 16:54 SH |
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Wir suchten einen junge, schlanken, eleganten Schauspieler. Gefunden haben wir Günter Strack. Und das kam so:
Auf der Flucht vor seiner hemmungslos staubsaugenden Zugehfrau sind mein Partner Karl Heinz Willschrei, seine heißgeliebte Ridgeback-Hündin Sheila und ich im Münchner »Triftstüberl«, gleich hinterm Max-II-Denkmal, gelandet. Wir waren, wie fast jeden Samstagvormittag, zum Plotten (= Konstruieren, dramaturgisches Aufbereiten einer Geschichte) verabredet. Beim zweiten oder dritten Pils fing Willschrei plötzlich an, über eine mögliche neue Krimi-Serie zu räsonieren: Ein junger, agiler Anwalt und ein alter, verwitterter Privatdetektiv (ein ehemaliger Polizist) arbeiten eng zusammen. Der Eine hilft dem Anderen. Und beide kämpfen für ihren gemeinsamen Mandanten, der gewaltig in der Klemme steckt: Er steht unter Mordverdacht. Die beiden beweisen seine Unschuld, indem sie den wahren Täter überführen. Ende. Ein Fall für zwei.
Das Konzept war einfach, klar und - zumindest für Deutschland - neu. Ich war sofort überzeugt. Zum Glück auch der damalige Programmdirektor Dieter Stolte, dem ich die Idee schon wenige Tage später vortragen konnte, und der mich aufforderte, diesen Vorschlag dem für den Freitagabend-Krimi verantwortlichen Hauptredaktionsleiter Dr. F. A. Krummacher zu unterbreiten. Das geschah.
Aber dann gab es eine dramatische Wendung. Für die Rolle des Anwalts schlug Dr. Krummacher seinen Freund Günter Strack vor. Wir waren perplex, verstört, verstimmt. Wir baten um eine Auszeit und überlegten ernsthaft, ob wir die ganze Chose nicht einfach vergessen sollten. Denn wir sahen unser geniales Konzept in Gefahr, verwässert, ja, zerstört. Und wir wollten uns nicht prostituieren. Nie im Leben. Für kein Geld der Welt. "Aber lass uns mal darüber schlafen, morgen wird entschieden."
Am nächsten Morgen trafen wir uns wieder und waren uns total einig, dass Günter Strack ein wunderbarer Schauspieler ist. Nebbich. (Ich selbst hab' mal Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um ihn für eine Rolle in einem Fernsehspiel zu gewinnen, das ich geschrieben hatte. Leider vergeblich, er hatte damals schon viel zu tun.) Gut. Und ist es denn so falsch, wenn wir für eine Hauptrolle in dieser Serie, die ja in Frankfurt spielen sollte, einen berühmten Hessen bekommen? Ist er nicht eher ein Geschenk des Himmels? Und ist es wirklich undenkbar, dass wir die Konstellation umdrehen? Dass wir einen älteren, erfahrenen Anwalt und einen jüngeren, aufmüpfigen Privatdetektiv (der trotzdem früher ein Polizist gewesen sein konnte) erfinden? Nein, das ist nicht undenkbar. Und ich ich gebe hier zum ersten Mal zu: Wir haben uns anschließend sogar ein bisschen dafür geschämt, das wir erst so stur und halsstarrig waren.
Natürlich waren wir bald heilfroh und überglücklich, dass Günter Strack als Dr. Renz die Figur aus der Taufe hob und damit ganz wesentlich zum Erfolg der Serie »Ein Fall für zwei« beitrug. (Und wenn heute ein Autor auf Kritik und auf konstruktive, konkrete Vorschläge mal mit Trotz, Wut und Frust reagiert, wenn er den Bettel hinwirft und am nächsten Tag wieder kommt, um den leidenschaftlichen Disput doch weiter fort zu setzen, dann denke ich noch heute an unsere damalige Situation, lächle in mich hinein und bin voller Verständnis.)
Mit der Entscheidung für Günter Strack als Dr. Renz war die Idee vom Tisch, den großartigen Hans Christian Blech als Privatdetektiv Matula zu besetzen. Matula sollte jünger sein. Gemeinsam mit Günter Strack machten wir uns auf die Suche. Sehr früh schon kam uns Claus Theo Gärtner ins Visier. Der war damals an der berühmten Schaubühne am Halleschen Ufer engagiert, bei Peter Stein. Ein ganzes Jahr habe ich auf ihn eingeredet wie auf einen kranken Gaul: "Du bist der ideale Matula. Lass uns nicht im Stich!" Schließlich sagte er zu. Der »Fall für zwei« konnte beginnen.
CTG: Seit den Dreharbeiten zu »Dietrich Dertz«, bei denen Georg Althammer Regie geführt hatte, sind wir Freunde. Nun popelten die schon am »Fall für zwei« herum. Krummacher hatte mich als Dertz gesehen und sich mich als Matula in den Kopf gesetzt. Eines Abends saßen Althammer und ich in München im Franziskaner und unterhielten uns privat. Und anstatt, dass Georg mir zu hört und bei meinen privaten Problemen hilft, nervte der mit seiner Matula-Idee. Ich sagte: "Hör auf, ich kann's nicht mehr hören, ich hab' Dir 100mal gesagt nein, nein." Aber er gab nicht auf. Und außerdem habe ich sowieso nicht daran geglaubt. Es gibt ja so viele Vorhaben, die im Projektstadium stecken bleiben. Nur um meine Ruhe zu haben, habe ich schließlich einen Zettel genommen und draufgeschrieben "100 Folgen ok CTG". Das war doch nicht ernst gemeint, eine völlig utopische Zahl! Ich seh es noch wie heute: Ich hatte kaum zu Ende geschrieben, da hat Georg mit den Zettel mit regelrechten Krallen an sich gerissen, akribisch klein gefaltet und ins Portemonnaie getan. Und immer, wenn irgend etwas war, kam dieser Zettel wieder heraus. Das wurde schließlich zum regelrechten running gag, er brauchte nur noch nach dem Portemonnaie zu fassen.
Schließlich kam der entscheidende Abend: Ich spielte in Hamburg den Patrick McMurphy in »Einer flog über das Kuckucksnest«. Nach der Vorstellung saßen wir zusammen in der Kneipe - der Georg Althammer, Karl Heinz Willschrei, Günter Strack, Regisseur Braun und zufällig auch noch meine Mutter. Und plötzlich waren wir ein Team. Da war klar, wir machen »Ein Fall für zwei«. Ich wusste ja, ich drehe nur ein paar Folgen, also konnte ich mein Engagement am Theater prima weiter machen und habe das dann ja auch jahrelang gemacht.
Und als wir die 100. Folge feierten, hat mir Georg diesen Bierzettel gerahmt zurück gegeben. Mein Versprechen war somit erfüllt.
So ganz hat Günter Strack bis heute nicht akzeptiert, dass bei unserem Konzept nicht er der große Zampano und Matula sein Assistent und Wasserträger (auch dramaturgisch) war. Für uns waren beide Rollen immer gleichwertig. Das bewog Günter, nach sieben Jahren, auszusteigen und »mit Leib und Seele« einen Priester zu verkörpern, in einer neuen Serie, in der ihm keiner mehr die Butter vom Brot nehmen konnte. Wie wir wissen, hat er seine Chance grandios genutzt und seine ungeheure Popularität, die ihm der Dr. Renz eingebracht hatte, noch weiter gesteigert.
Wir aber standen ohne Anwalt da. Was tun? Die Serie beenden oder einen neuen Darsteller suchen? Eine rhetorische Frage, denn alle hatten wir noch großen Spaß an unserer Arbeit, nicht zuletzt die Zuschauer. Aber würde das auch so bleiben, wenn nicht mehr Günter Strack seine brillanten Plädoyers hält? Wenn ein anderer Anwalt für Recht und Gerechtigkeit kämpfte? Wir waren gespannt.
Vor einigen Jahren hat mich Rainer Hunold in meinem Büro besucht, den ich bis dahin nur aus seinen höchst erfolgreichen Produktionen »Ein Mann will nach oben«, »Die schöne Wilhelmine« und »Engels und Consorten« kannte. Wir hatten sofort einen guten Kontakt. Ich war hingerissen von seiner professionellen Einstellung, seiner künstlerischen Intelligenz, seinem Charme, seinem Witz, seiner Ehrlichkeit. Als fest stand, dass Günter uns verlassen würde, habe ich sofort an Rainer Hunold als seinen Nachfolger gedacht. Also rief ich ihn an. Rainer war frei, er hatte Lust - und er hatte den Mut*, in die - weiß Gott nicht gerade kleinen - Fußstapfen von Günter Strack zu steigen. Alles war in Butter. Die Zusammenarbeit mit Claus Theo Gärtner lief hervorragend, das Team war glücklich, der Sender war ob der Ergebnisse hochzufrieden. Nur: Wie reagiert das Publikum?
Um den ohnehin schon starken Thrill zu erhöhen, haben Rainer Hunold und ich eine teure Wette abgeschlossen: Wenn beim ersten Film die Mehrheit der Kritiken [auf die gebe ich eh nix - SH] und die Quote nicht mehr als zehn Prozent niedriger ist, dann bezeichnen wir das als Erfolg, dann habe ich gewonnen.
Die Kritiken [ich habe in HH gesehen, wie "gut vorbereitet" die Profis da auftauchen - jetzt sind sie noch unwichtiger - SH] waren durch die Bank sehr gut, zum Teil nachgerade hymnisch und die Quote ist zu unserer Verblüffung sogar noch gestiegen. [Das verblüfft mich überhaupt nicht. - SH] Die Leute waren neugierig auf den Neuen. Und weil sie ihn mochten, sind sie uns treu geblieben. Wohl selten hat ein Mensch seine Wette lieber verloren. Wir hatten eine phantastische Reise zu viert nach New York, auf Rainers Kosten.
Jetzt, nach neun Jahren, hat auch Rainer alias Dr. Franck sein Ränzlein geschnürt und sich - begleitet von unseren besten Wünschen - in Richtung Berlin aus dem Staub gemacht. Angeblich, um eine Professur für Strafrecht anzunehmen, in Wahrheit, um in der »Praxis Bülowbogen« sein Wesen zu treiben. Wieder musste ein Neuer her.
CTG: Der Renz, das war ein Anwalt, der sich seinen Fällen auf der menschlichen Seite näherte, unterstützt von Günter Stracks fast volksschauspielerischen Präsenz, dem Bacchantischen. Dem gegenüber war Franck ein eher cooler Verteidiger, der mit dem Intellekt arbeitete. Und er war sehr moralisch, was der Renz überhaupt nicht war. Bei Voss sieht es so aus, als würde er eine philantropische Ader entwickeln.
Und der Matula, der ist kein Moralist. Er hat aber ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und auch Verständnis. Er ist tolerant, und er hat keinerlei Berührungsängste mit jedweder sozialen Gruppe oder Menschen. Und vor allen Dingen hat er auch keine Angst - außer, dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Aber mit dieser Angst steht er ja nicht allein da.
Nur diesmal war's nicht so einfach. Ich hatte keine so fixe Idee wie beim letzten Mal. Diesmal war statt Inspiration was anderes angesagt: Transpiration, Fleiß und Beharrlichkeit. Monate lang stand ich mit Dr. Horst-Joachim Gehrmann, unserem Redakteur, in ständigem Gedankenaustausch. Fast täglich haben wir uns neue Namen zugerufen, fast täglich habe ich mit Agenten und Agenturen, Kollegen und Kolleginnen, Schauspielern, Regisseuren und so weiter informative Gespräche geführt, ich habe Namen gesammelt, Listen aufgestellt, Reihenfolgen festgelegt - und erste, vorsichtige Anfragen gestartet.
Dabei habe ich eine interessante Erfahrung gemacht. Im Vergleich zu 1978 und 1986 hat sich die Situation gewandelt. Die Explosion auf dem Produktionssektor lässt die Schauspieler länger zögern, langfristige Bindungen einzugehen. Eines stand fest: Nachdem wir uns mit Rainer Hunold nur ein wenig verjüngt (und gewichtsmäßig auch nicht so gewaltig verändert) hatten, wollten wir die Chance nützen und endlich unser ursprüngliches Konzept verwirklichen. Ein junger, alerter Anwalt und ein alter Haudegen als Detektiv. (Entschuldige, aber mit 54 ist man heute eben alt. Dass Du Dich bei diesem Satz schief lachst, weil Du rennst und springst und fühlst wie ein Junger, wie vor zwanzig Jahren, das macht die Arbeit um so vergnüglicher. Und komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Vorruhestandsüberlegungen, wir sind hier nicht bei VW!)
Also, um ehrlich zu sein: Der eine oder andere prominente Schauspieler hat ganz rasch abgewunken, als ich dezent die Sprache auf eine eventuelle Hunold-Nachfolge gebracht habe. Der Eine wollte nicht umziehen nach Frankfurt, der Andere wollte den Job höchstens ein Jahr lang machen, und ein Dritter macht grundsätzlich keine Serien mehr. Nun ja.
Schon ganz früh tauchte auf meinen Listen der Name Mathias Herrmann auf. Ein Geheimtipp, zunächst. Erste Infos waren positiv. Aber in dieser Qualität hatte ich noch rund zwanzig andere Namen auf meiner Liste.
Und dann kam der Wink des Himmels. Mathias, der in Basel am Theater engagiert war und dort gerade gekündigt hatte, war zufällig in München bei seinem Bruder. Der gab ihm den Rat, eine Videokassette bei mir vorbei zu bringen. Ich hatte gerade Zeit, mir ein paar Kassetten anzuschauen - und seine war dabei. Ich war fasziniert, nein, elektrisiert von dem, was ich da sah, rief ihn sofort an, lud ihn zu einem Gespräch ein, erfuhr, dass er in Hessen geboren und aufgewachsen war, dass seine Frau gerade ein Engagement am Theater in Darmstadt angenommen hatte, dass er mit ihr und den beiden Töchtern dahin zieht - dreißig Kilometer von unserem Produktionsbüro entfernt - und dass er nach zehn Jahren ausschließlicher Theaterarbeit von den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, gerade die Schnauze voll hatte und gerne eine Fernsehserie machen würde.
CTG: Wir haben uns von allen Kandidaten, die in die engere Wahl gekommen waren, gemeinsam Filmausschnitte angesehen. Und uns alle zog es zu Mathias Herrmann hin. Ich bewundere den Mathias. Der hat ja eine ganz andere Entscheidung treffen müssen als ich seinerzeit. Ich habe vielleicht an 6, 10 oder 12 Folgen gedacht. Aber der Mathias kann ja nicht mehr sagen: "Ich mach' das mal ein paar Folgen lang und dann holt ihr euch einen neuen Anwalt." Der steigt in ein etabliertes Programm ein und ist einem ganz anderen Erwartungs- und Erfolgsdruck ausgesetzt. Wenn Althammer damals für 150 Folgen geplant hätte, wäre ich geflüchtet.
Seitdem glaube ich, dass es schicksalhafte Fügungen gibt. Auf jeden Fall ist Mathias Herrmann für mich ein Glücksfall, die Idealbesetzung für den jungen Rechtsanwalt - ein kluger sympathischer, zuverlässiger Schauspieler. Genau der, den Willschrei und ich vor beinahe zwanzig Jahren gewollt und jetzt bekommen haben. Ein Märchen ist wahr geworden. Dennoch bleibt »Ein Fall für zwei« eine Krimi-Serie, versprochen. Und wir werden mit dem Neuen sicher weiter Erfolg haben. Wetten, Mathias?
* Mit der Nebenbedingung, dass auch der Rollenname "Rainer" lautete, es würde ihm dann leichter fallen. An sich ist das unüblich. Info von HJG.
Quelle: ZDF-Presse-Info zur 150. Folge, Anmerkungen von mir kursiv in eckigen Klammern.
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